Zahntourismus | Zahn-Tourismus im Ausland

Patiententourismus "Made in Germany"

Natürlich ist es verlockend, durch Zahntourismus Geld zu sparen. Goldkronen vom Zahnarzt in Ungarn, Keramikverblendungen vom Spezialisten in Polen, Implantate vom Chirurgen in der Türkei. Alles um 50 bis 70 Prozent billiger als in Deutschland. Und wenn der Zahnarzt ein EU-Nachbar ist, dann zahlen die gesetzlichen Krankenkassen auch Zuschüsse.

Dennoch, Zahntourismus im Ausland kann für Patienten ein gesundheitliches Roulettespiel und trotz kurzfristiger Preisvorteile am Ende ein Minusgeschäft sein. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie des MDK. Im Rahmen einer Doktorarbeit der Universität Mainz wurden 60 Patienten, die im Ausland Zahnersatz erhalten hatten, nachuntersucht. Gut die Hälfte der Test-Patienten ließ sich in der Türkei mit preiswertem Zahnersatz oder mit Implantaten versorgen, 43 Prozent in den osteuropäischen EU-Beitrittsländern. Die Bilanz ist erschreckend: Nur 14 Fällen konnten bei der Nachbegutachtung als mängelfrei eingestuft werden. Generell war die Fehlerquote bei kompliziertem Zahnersatz höher als bei einfachen Teilprothesen oder Vollprothesen.

Fast 11.000 Euro mussten die 60 "Schnäppchenjäger" am Ende drauflegen. Obwohl die Behandlung in den Niedriglohn-Ländern auf den ersten Blick billiger erscheint. Behandlungstechnisch ist das Ergebnis noch negativer. Von 81 begutachteten Brücken entsprachen 47 den deutschen Kassenrichtlinien. Fehlerfrei waren jedoch nur 12 dieser Brücken. Bei 43 Brücken erachtete der MDK eine totale Neuanfertigung für nötig. Besonders auffällig war, dass Zahnärzte im Ausland eine Vielzahl von Brückenkonstruktionen eingegliedert hatten, welche bereits in ihrer Planung fehlerhaft waren. In diesen Fällen wurde eine Brücke, also ein festsitzender Zahnersatz angefertigt, obwohl das verbliebene Restgebiß medizinisch nur noch eine herausnehmbare Versorgung zugelassen hat. Die 76 überprüften Einzelkronen waren aus Sicht der Prüfer mit Ausnahme von 2 Kronen überhaupt nicht notwendig.

Katastrophal war das Ergebnis aber nicht nur bei der zahnärztlichen Leistung, sondern auch bei der Arbeit des ausführenden Zahnlabors. Während in Deutschland Zahntechniker eine Ausbildung auf hohem Niveau erhalten, sind ihre Kollegen im Ausland häufig nur angelernte Hilfskräfte.

Eine weitere Studie wurde 1999 in der Schweiz von der Universität Bern veröffentlicht. Untersucht wurden 38 Personen, die in der Schweiz und 46, die in Ungarn Zahnsanierungen (zum Beispiel neue Kronen) durchführen ließen. Bei keinem lag die Sanierung länger als 3 Jahre zurück, keiner hatte Schmerzen. Die objektive Beurteilung: Keine der in Ungarn durchgeführten Arbeiten wurde von den Prüfern in eine der beiden besten Qualitätskategorien eingereiht. Dafür stuften sie 39% in die unterste Kategorie E ein - wenn etwa ein gesunder Zahn durch die Behandlung zerstört wurde. Fazit: Es kann Jahre dauern, bis Mängel zum Vorschein kommen.

Zahlen über die Anzahl der im Ausland behandelten Patienten existieren nicht, weder bei der Zahnärztekammer noch bei den Krankenversicherungen. Oft aber handelt es sich um gesetzlich versicherte Patienten, die über das notwendige und ausreichende Maß hinaus behandelt werden möchten und aus finanziellen Gründen die Behandlung im Ausland durchführen lassen.

Hauptländer für zahnärztliche Auslandsbehandlungen sind Ungarn und Spanien (Mallorca). Die Kosten für das Setzen eines Implantates in Ungarn liegen nach unseren Recherchen zwischen 600 und 800 Euro. Die Preise für das Setzen eines Implantates variieren in Deutschland. Es gibt renommierte Praxen, die zu einem Festpreis von 750 Euro implantieren, nach oben hin gehen die Preise bis zu 1.800 Euro.

Der zunehmende Zahntourismus unter anderem nach Ungarn löst nicht nur positive Reaktionen aus. Das Problem sind aber nicht die ungarischen Zahnärzte. Die ungarische Zahnmedizin hat grundsätzlich einen hohen Standard. Das Problem sind oft Behandlungszentren in Grenzregionen, die mehr nach wirtschaftlichen als nach medizinischen Kriterien geführt werden. Diese gehören in der Regel nicht Zahnärzten, sondern Investoren aus ganz Europa. Dort gibt es oft den wirtschaftlichen Druck, zeit- und kostenintensive Vorbehandlungen nicht oder nicht in ausreichendem Umfang durchzuführen.

Welche Erwartungen gibt es nach der Gesundheitsreform? Die Zahl der Zahntouristen wird steigen. Dies vor allem deshalb, weil die Zusatzversicherung für Zahnersatz - sollte sie der Patient bei den gesetzlichen Krankenkassen unterschreiben - nicht zu einer Versorgung mit höherwertigen Zahnersatz führen wird. Die Therapie wird sich weiter an den notwendigen und ausreichenden Maßnahmen orientieren.

Zahntourismus sollte also gut überlegt werden. Kommt es später zu Komplikationen, drückt die neue Prothese oder die Verblendung der Krone bröckelt, dürfte der Patient den Abstecher bitter bereuen. Zahnärzte in Deutschland sind kaum bereit, Nacharbeiten für ausländische Kollegen zu übernehmen. Wer wegen der nötigen Reparatur wieder ins Ausland fahren muss, wird kaum Einsparungen verbuchen. Außerdem gibt es weder eine einheitliche Arzthaftung noch einheitliche Regelung der Gewährleistung.

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