Kardiovaskuläres Risiko bei Parodontitis: Zahlen und Fakten
Warum haben Parodontitis-Patienten ein erhöhtes Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall?
Parodontitis und kardiovaskuläres Risiko – Festvortrag Sylter Symposium für Ästhetische Zahnmedizin: „Ein gesundes Lächeln für ein starkes Herz“
Nicht nur die American Heart Association weist in ihrem aktuellen Statement im Fachjournal Circulation auf das kardiovaskuläre Risiko von Parodontitispatienten hin.
Auch beim 10. SYLTER SYMPOSIUM FÜR ÄSTHETISCHE ZAHNMEDIZIN und DYSGNATHIE-SYMPOSIUM vom 13. - 16. MAI 2026 ging es nicht nur um Ästhetische Zahnheilkunde, sondern auch um den Zusammenhang von parodontaler Entzündung und kardiovaskulärer Erkrankung.
Den Festvortrag unter dem Titel „Ein gesundes Lächeln für ein starkes Herz“ hielt auf Einladung der DGÄZ, Prof. Dr. med. Rolf Michael Klein, Chefarzt der Klinik für Kardiologie, Rhythmologie und konservative Intensivmedizin in Düsseldorf.
Mit seiner „Out-of-the-box“ Präsentation beeindruckte Prof. Dr. Klein die am Kongress teilnehmenden Zahnärztinnen und Zahnärzte für Ästhetik & Funktion sowie Kieferorthopäden mit wissenschaftlich belegten Zahlen und Fakten zum kardiovaskulären Risiko bei Parodontitis.
Welche wissenschaftlichen Erkenntnisse liefert die Kardiologie über den Zusammenhang von Entzündungen im Mundraum und dem Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall?
Gemeinsame Risikofaktoren für Entzündung in Kardiologie und Zahnheilkunde
Der Zusammenhang von Atherosklerose („Arterienverkalkung“) mit Herzinfarkt- und Schlaganfallrisiko ist weithin bekannt: Blutfette wie LDL-Cholesterin lagern als Plaques an den Innenwänden der Arterien an und können lebenswichtige Gefäße an Gehirn und Herz verschließen und einen Schlaganfall oder Herzinfarkt auslösen.
Als gemeinsame Risikofaktoren für Atherosklerose gelten: Rauchen, Alter, Diabetes mellitus, Adipositas, sozioökonomische Faktoren und chronische Entzündung.
Dem Risikofaktor chronische Entzündungim Mundraum widmete sich der Kardiologe Prof. Dr. Klein in seinem nicht nur für Zahnärzte hochinteressanten Vortrag:
Laut Studienlage stellt Prof. Dr. Kern fest, dass bestimmte Entzündungswerte (hsCPR Marker) im Blut von Patienten als „Marker für eine niedriggradige Entzündung der Gefäße gelten und damit als prognostischer Marker für die Wahrscheinlichkeit eines Herzinfarkts. Denn der Faktor chronische „Inflammation“ (Entzündung) spielt eine entscheidende Rolle bei der Bildung, dem Fortschreiten, der Ruptur und der Thrombogenese von atherosklerotischen Plaques (Atherosklerose, Herzinfarkt, Schlaganfall).“
Demnach können bereits milde bis chronische bakterielle Entzündungen im Mundraum, an Zähnen (Karies), Zahnfleisch (Gingivitis) und Zahnhalteapparat (Parodontitis), durch Infektion wichtiger Gefäße wie der Coronararterien, Ereignisse wie Herzinfarkt auslösen.
Damit ist die Messung einer niedriggradigen Gefäßentzündung mittels hsCRP prognostisch ebenso aussagekräftig wie ein erhöhtes LDL-Cholesterin oder ein erhöhter Blutdruck.
Prof. Dr. Kerns Einordnung: „Ein Parodontitis-Patient hat ein erhöhtes kardiovaskuläres Risiko für einen Herzinfarkt oder Schlaganfall.“
Fakten und Zahlen zu den Wechselwirkungen von Parodontitis, kardiovaskulären Ereignissen und Allgemeinerkrankungen
Welche Allgemeinerkrankungen stehen in Verbindung mit einem „ungesunden Mund“?
Folgende Allgemeinerkrankungen stehen in Verbindung mit oralen Pathogenen, wie etwa dem Keim Porphyromonas gingivalis und vor allem dessen Bakterienlast in den tiefen Zahnfleischtaschen bei Parodontose:
- Diabetes und Insulinresistenz
- Alzheimer
- Kardiovaskuläre Erkrankungen, Herzinfarkt, Schlaganfall
- Orales und kolorektales Karzinom
- Atemwegsinfektionen/ bakterielle Pneumonie
- Schwangerschaftsrisiken/Fehlgeburten
Welche „Risikomodifikatoren“ beeinflussen die Entstehung von Gefäßveränderungen durch Auswirkungen auf die Entzündung?
- Negative Modifikatoren und damit eine Entzündung fördernd:
Rauchen, Bauchfett, Hyperlipidämie (hohes Cholesterin), Bluthochdruck, Periodontitis, Insulinresistenz, Dysglykämie und Infektion.
- Positive Modifikatoren und damit gegen eine Entzündung wirkend:
Körperliche Bewegung, Kost aus Obst, Gemüse, Nüssen, fettem Fisch und moderater Alkoholkonsum
Welche wissenschaftliche Hypothese gibt es zur wechselseitigen Beziehung zwischen Periodontitis und Diabetes und kardiovaskulärer Sterblichkeit?
Folgende wissenschaftlichen Hypothesen wurden von Prof. Dr. Klein vorgestellt:
Annahme 1: Tod durch ischämische Herzerkrankung bei Diabetes
Annahme 2: Tod durch Nierenerkrankung bei Diabetes
Zu Annahme 1: Das Sterberisiko ist bei Vorliegen einer fortgeschrittenen Parodontitis 2,3 fach erhöht im Vergleich von gesundem Zahnhalteapparat oder leichter Parodontitis.
Zu Annahme 2: Das Sterberisiko ist bei Vorliegen einer fortgeschrittenen Parodontitis um 8,5 facherhöht im Vergleich von gesundem Zahnhalteapparat oder leichter Parodontitis.
Welcher Zusammenhang besteht zwischen Atherosklerose, Parodontitis und Professioneller Zahnreinigung?
Verglichen wurden in einer Studie die Endothelfunktion („Gefäßfunktion“) vor und nach professioneller Zahnreinigung (PZR):
- vor einer PZR wurde eine um 5,1% geringere Endothelfunktion gemessen
- nach der PZR eine um 6,64 % bessere Endothelfunktion.
Wie wirkt sich eine Parodontaltherapie bei Typ 2 Diabetikern aus?
Eine unbehandelte Parodontitis erhöht den HbA1c-Wert (Langzeit-Zuckerwert) innerhalb von 3 Monaten und dadurch das Risiko verbundener Komplikationen.
Eine behandelte Parodontitis reduziert den HbA1c-Wert und damit auch die Komplikationen.
Warum ist die Mundgesundheit auch gut für die Herzgesundheit?
So wirken sich Zähneputzen und professionelle Zahnreinigung (PZR) auf das kardiovaskuläre Risiko aus
Die Studienergebnisse anhand einer koreanischen Bevölkerungsdatenbank ergaben eine schützende Wirkung vor Entzündungen durch regelmäßiges Zähneputzen und häufige PZR:
- 3x tägliches oder häufigeres Zähneputzen im Vergleich zu nur 1x täglichem Zähneputzen: Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen um 19%.
- Professionelle Zahnreinigung mehr als 1x jährlich: Reduktion von kardiovaskulären Ereignissen um 14%.
Wie können Patienten ihr Parodontitis-Risiko und damit ihr persönliches Risiko für Herzinfarkt und Schlaganfall reduzieren?
Nach Prof. Dr. Kern bringt eine LDL-Cholesterinsenkende Behandlung wissenschaftlich erwiesenermaßen den größten Nutzen zur Vermeidung von Atherosklerose und kardiovaskulärer Risiken; „nicht klassische Risikofaktoren sind jedoch auf dem Vormarsch und gewinnen durch eine niedriggradige Entzündung an Bedeutung für die Atherosklerose.“
Daher sollte dem Zusammenhang zwischen „Mundgesundheit, zahnärztlicher Pflege und Atherosklerose“ von allen medizinischen Disziplinen sowie selbstverständlich auch von den Patienten selbst, unbedingt mehr Aufmerksamkeit geschenkt werden.
Patienten können ihr persönliches Risiko einer chronischen Entzündung und somit für Herzinfarkt und Schlaganfall reduzieren, indem „effektive Mundhygiene, Parodontitis-Behandlung und regelmäßige Nachsorge beim Zahnarzt“ befolgt werden.
FAZIT des Vortrags „ Ein gesundes Lächeln für ein starkes Herz“:
Parodontitis, Karies und Zahnverlust fördern Entzündungen und damit das Risiko für Atherosklerose und dadurch auch für kardiovaskuläre Erkrankungen.
Regelmäßiges Zähneputzen und Professionelle Zahnreinigung sind aktive Herzinfarkt- und Schlaganfallprävention!
