Interview: Wie hängen CMD-Symptome und kurze Zähne zusammen?
Zahnarzt Dr. med. dent. Lukas Weiß erklärt den möglichen Zusammenhang zwischen Zähneknirschen, Zahnabrieb, Bisshöhe und CMD
In folgendem Interview mit der GZFA erläutert Dr. med. dent. Lukas Weiß, Zahnarzt für Ästhetische und Funktionelle Zahnmedizin, wie kurze Zähne durch Abrasion mit Kaufunktionsstörungen zusammenhängen können.
GZFA: Herr Dr. Weiß, können kurze Zähne ein Hinweis auf CMD sein?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Ja, kurze und stark abgenutzte Zähne können ein Hinweis auf eine Kaufunktionsstörung sein. Das gilt besonders dann, wenn Patienten über längere Zeit mit den Zähnen pressen oder knirschen. Durch die hohen Kaumuskelkräfte kann Zahnhartsubstanz verloren gehen. Die Zähne werden kürzer und im Laufe der Zeit kann sich auch die Bisshöhe reduzieren. Das bedeutet aber nicht automatisch, dass jeder Patient mit kurzen Zähnen eine CMD hat. Die Ursache muss immer individuell abgeklärt werden.
Was hat ein Frühkontakt mit CMD zu tun?
GZFA: Häufig fällt in diesem Zusammenhang der Begriff Frühkontakt. Was genau bedeutet das?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Von einem Frühkontakt spricht man, wenn ein Zahn beim Zusammenbeißen früher oder stärker Kontakt bekommt als die übrigen Zähne. Dadurch kann das harmonische Zusammenspiel zwischen Ober- und Unterkiefer gestört werden, die Kaumuskulatur verspannt sich, die Kiefergelenke werden fehlbelastet oder komprimiert.
GZFA: Kann ein solcher Frühkontakt CMD auslösen?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Ein Frühkontakt muss nicht zwangsläufig eine CMD verursachen. Er kann aber ein Faktor sein, der das Kausystem irritiert. Mögliche Folgen sind CMD-Symptome wie etwa Zähnepressen, Zähneknirschen, Muskelverspannungen oder Kiefergelenkbeschwerden.
Warum werden Zähne durch Knirschen kürzer?
GZFA: Wie genau entstehen durch Zähneknirschen kurze Zähne?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Beim Knirschen und Pressen wirken hohe Kräfte auf die Zahnhartsubstanz. Durch das wiederholte Reiben können sich Zahnhöcker und Kauflächen zunehmend abnutzen. Diesen mechanischen Zahnsubstanzverlust nennt man Abrasion. Der erste Frühkontakt, beispielsweise im Molarenbereich, wird abradiert, dadurch entstehen neue Frühkontakte durch die nun höheren Nachbarzähne, die wiederum abradiert werden. Dieser Prozess setzt sich solange fort, bis wieder gleichmäßige Okklusionskontakte von Ober- und Unterkiefer gefunden sind; dabei kommt es zum Verlust der Bisshöhe mit Gefahr einer Kompression im Kiefergelenk.
Typische Anzeichen sind abgeflachte Zahnhöcker, sichtbare Schlifffacetten, verkürzte Front- oder Seitenzähne und der Verlust der natürlichen Zahnformen. Oft sind noch vorhandene Weisheitszähne Auslöser für starke Frühkontakte, was zu einer Distraktion des Kiefergelenks führen kann. Der Unterkiefer verlagert sich nach vorne unten, wodurch sich die Frontzähne abnutzen. Die Eckzähne weisen dann oft starke Schlifffacetten auf und die funktionell wichtige Eckzahnführung geht verloren. Es führen dann die Balanceseiten und Kiefergelenkknacken oder andere CMD-Symptome treten auf.
Was passiert, wenn die Bisshöhe verloren geht?
GZFA: Warum ist der Verlust der Bisshöhe problematisch?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Wenn die Zähne durch Abrieb kürzer werden, kann sich der Abstand zwischen Ober- und Unterkiefer reduzieren. Man spricht vom Verlust der vertikalen Dimension oder einer Bissabsenkung.
Dadurch können sich die Position des Unterkiefers, die Belastung der Kiefergelenke und die Aktivität der Kaumuskulatur verändern. Das kann Beschwerden verstärken oder funktionelle Probleme begünstigen.
GZFA: Welche Symptome können dabei auftreten?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Möglich sind zum Beispiel:
- Kiefer- und Gesichtsschmerzen
- verspannte Kaumuskulatur
- Kiefergelenkschmerzen oder Kieferknacken
- Kopf- und Nackenschmerzen
- Verspannungen im Schulterbereich
- Zähnepressen und Zähneknirschen
- ein verändertes Bissgefühl
- Ohrgeräusche, Tinnitus
Entscheidend ist aber immer die individuelle Diagnostik.
Wie findet man heraus, welcher Biss der richtige ist?
GZFA: Wenn der vorhandene Biss bereits durch Abrieb verändert wurde – wie lässt sich dann feststellen, welcher Biss funktionell richtig wäre?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Genau dafür ist die klinische und instrumentelle Funktionsanalyse wichtig. Bei stark abgenutzten Zähnen reicht es nicht, nur die aktuelle Zahnstellung, die sogenannte habituelle Bisssituation oder gewöhnliche Schlussbisslage anzusehen. Denn diese kann bereits das Ergebnis jahrelanger Fehlbelastung sein.
Mit der Funktionsanalyse lässt sich unter anderem beurteilen, welche Zähne zuerst Kontakt bekommen, ob Frühkontakte vorhanden sind, wie Ober- und Unterkiefer zueinanderstehen und wie stark die Bisshöhe bereits verloren gegangen ist.
Was ist eine instrumentelle Funktionsanalyse?
GZFA: Wie funktioniert eine instrumentelle Funktionsanalyse?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Dabei werden unter anderem Modelle von Ober- und Unterkiefer in einem sogenannten Artikulator untersucht. Dieser simuliert die Bewegungen des Kiefers.
So lassen sich Zahnkontakte, d.h. die Okklusion genauer analysieren. Gerade vor einer umfangreichen Wiederherstellung abgenutzter Zähne ist diese Diagnostik entscheidend, weil die die neu zu planende Bisshöhe nicht einfach geschätzt werden sollte.
Welche Hilfe können Aufbissschienen bieten?
GZFA: Welche Rolle spielt eine Aufbissschiene bei CMD und abgenutzten Zähnen?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Eine individuell angepasste Aufbissschiene kann zunächst die Zähne vor weiterem Abrieb schützen. Bei einer funktionellen Schienentherapie geht es aber um mehr.
Ziel kann sein, die Kaumuskulatur zu entspannen, störende Zahnkontakte zu diagnostizieren und eine Harmonisierung von Zahnkontakten und Kiefergelenkposition auf der Schiene zu erreichen.
Diese Position kann bei Bedarf auch die Grundlage für eine rekonstruktive Behandlung bilden.
Was unterscheidet die DROS®-Schienentherapie?
GZFA: Sie arbeiten unter anderem mit der DROS®-Schienentherapie. Was ist das Besondere daran?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Die DROS®-Schienentherapie ist ein standardisiertes, zweiphasiges Behandlungskonzept.
In der ersten Phase steht die Diagnose der Frühkontakte und die Entspannung der Kaumuskulatur im Vordergrund. In der zweiten Phase wird die neuromuskulär zur Bisslage passende Kiefergelenkposition ermittelt und diese auf der Schiene stabilisiert.
Zu den Merkmalen der DROS®-Schiene gehören:
- zwei klar definierte Therapiephasen
- standardisierte Behandlungsschritte
- gezielte Muskelrelaxierung
- Stabilisierung der Okklusion
- Stabilisierung der Kiefergelenkposition bzw. des neuromuskulären Niveaus, bei dem Zahnkontakte und Kiefergelenkposition harmonieren
- regelmäßige Kontrollen und Feinjustierungen
- eine Behandlungsdauer von etwa sieben bis zehn Wochen
Was kostet eine DROS®-Schienentherapie?
GZFA: Mit welchen Kosten müssen Patienten rechnen?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Das vollständige DROS®-Therapiekonzept liegt laut GZFA bei rund 3.500 Euro. Darin enthalten sind nicht nur die Herstellung Schiene in zwei Phasen selbst, sondern auch diagnostische Leistungen, wie Funktionsanalyse, Registrierungen sowie die notwendigen Kontroll- und Feinjustierungstermine sowie die Kiefergelenkvermessung und Gegenüberstellung von API/CPI.
Ob private Krankenversicherungen oder Zahnzusatzversicherungen Kosten übernehmen, hängt vom jeweiligen Tarif ab.
Wie können kurze Zähne wieder aufgebaut werden?
GZFA: Was passiert, wenn bereits viel Zahnsubstanz verloren gegangen ist?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Eine Schienentherapie kann verlorene Zahnsubstanz natürlich nicht wiederherstellen. Wenn die Zähne deutlich verkürzt sind, also im Bereich von mehreren Millimetern, kann nach der funktionellen Vorbehandlung eine rekonstruktive Zahnbehandlung notwendig sein.
Je nach Ausgangssituation kommen beispielsweise Composite-Aufbauten, Veneers, Onlays, Teilkronen oder vollkeramische Kronen oder Zahnersatz auf Implantaten infrage.
Bei stark ausgeprägtem Zahnabrieb kann auch eine umfassende funktionell-ästhetische Rekonstruktion notwendig werden, sofern die Beschwerdelinderung nach Schienentherapie auch sicher erfolgt ist- wie auch in den Leitlinien der DGFDT zu Schienentherapien gefordert wird.
Warum kommt die Funktion vor der Ästhetik?
GZFA: Warum sollte man kurze Zähne nicht einfach verlängern?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Weil sich dadurch automatisch auch die Bisshöhe verändert. Wenn man umfangreich rekonstruiert, ohne vorher die funktionell geeignete Kieferposition, also einen Zustand neuromuskulärer Entspannung, bei dem die Zahnkontakte zu den Kiefergelenken passen, zu bestimmen, besteht die Gefahr, einen ungünstigen Biss dauerhaft festzuschreiben.
Deshalb sollte die Reihenfolge klar sein: erst Funktionsanalyse und gegebenenfalls Schienentherapie, dann die Planung der neuen Bisshöhe und erst danach die definitive Versorgung.
Ein Wax-up oder Mock-up kann dabei helfen, die geplante Zahnform, Zahnlänge und Bisshöhe vorab zu simulieren.
Wie hängen CMD und kurze Zähne also zusammen?
GZFA: Was ist die wichtigste Botschaft für Patienten und Patientinnen?
Dr. med. dent. Lukas Weiß: Zähnepressen und Zähneknirschen können zu Zahnabrieb führen. Dadurch werden die Zähne kürzer und die Bisshöhe kann sinken. Eine veränderte Bisshöhe kann wiederum die Belastung von Kaumuskulatur und Kiefergelenken beeinflussen und CMD-Beschwerden verstärken.
Deshalb sollte bei kurzen, stark abgenutzten Zähnen nicht nur die Ästhetik betrachtet werden. Entscheidend ist, die Okklusion und die Funktion des gesamten Kausystems mit einzubeziehen.
Da CMD neben Fehlkontakten auch noch vielfältige andere Ursachen haben kann und im Vordergrund fast immer der Faktor Stress – oft auch zusätzlich - eine große Rolle spielt, ist es wichtig, bei der Abklärung auch mit anderen Ärzten und Therapeuten zusammenzuarbeiten. Hier empfehlen sich dann vorausgehende oder begleitende Maßnahmen zum Stressabbau, wie Entspannungsübungen, autogenes Training etc.
„Alles, was die Muskulatur entspannt, ist hilfreich bei CMD“ - wie Prof. Dr. Georg Meyer, eine Koryphäe auf dem Gebiet der zahnärztlichen Funktionslehre, immer wieder betont.
GZFA-Empfehlung: Dr. med. dent. Lukas Weiß in München
Dr. med. dent. Lukas Alexander Weiß ist DROS®-Therapeut in München und auf die Diagnostik und Behandlung von CMD, Zähneknirschen und Okklusionsstörungen spezialisiert. Zu seinen Schwerpunkten gehören außerdem die ästhetische Zahnmedizin bei Verlust der Bisshöhe sowie funktionell geplante vollkeramische Rekonstruktionen.

